Interview der ‚PNN‘ zum Konzert vom 28.7.2013 in der Orangerie im Park Sanssouci

Im Tempo der Kutschen

Sopranistin Liane Fietzke über die Romantik, gerettete Noten und Mendelssohns übertriebenen Ehrgeiz
Im Tempo der Kutschen - Wanderer über dem Nebelmeer - Caspar David Friedrich - um 1818

Caspar David Friedrich

• Frau Fietzke, Sie huldigen in Ihrem Programm der Romantik. Sind Sie auch privat eine Schwärmerin?
Ja, das bin ich. Eine romantische Schwärmerin, eine Träumerin. Und das schon seit meiner Kindheit.
• Der Dichter Heinrich Heine sagte, dass Romantik eine Flucht in die Poesie sei, bei der man die Augen vor der Zerrissenheit der Welt verschließt.
Ja, da hatte er vollkommen recht. Die Romantik ist wie ein Selbstschutz, eine Insel. Aber solche Inseln braucht der Mensch. Gerade heute wieder, wo alles immer noch schneller gehen soll. Wenn wir nur kämpfen, fallen wir irgendwann um. Sich ein bisschen Romantik zu bewahren, ist wie ein Diamant. Das heißt ja nicht, dass man die Augen vor der Realität verschließt. Aber ohne Romantik wird alles nur noch grauer. Und wir wollen mit unserem Programm zeigen, dass nicht alles grau sein muss. Dazu bedienen wir uns bei den Altvorderen.
• In Ihrem Programm „Wisst Ihr, wo ich gerne weil. Berliner Dichter und Komponisten – und ihre Zeitgenossen“, das Sie gemeinsam mit Ihrem Mann vorstellen, begeben Sie sich in die Zeit der Empfindung. Was können die Zuschauer erwarten?
Auf jeden Fall werden wir die Lieder nicht nur runterschnurren, sondern wirklich empfinden. Die Besucher können eine höchst vitale Interpretation erleben. Gerade in der Zeit, wo alles auf Tempo ausgerichtet ist, frönen wir der Langsamkeit. Allerdings haben wir dazu nur eine Stunde Zeit. Aber die werden wir füllen mit dem Rhythmus der Romantik, in der es Kutschen gab und sogar die Post Zeit hatte.
• Sie stellen unbekannte, fast vergessene Texte und Melodien dieser Zeit vor. Wo sind Sie fündig geworden?
Wir schauen in die untersten Schubladen der Bibliotheken und Archive. Die öffnen die wenigsten, da man sich dafür bücken muss. So haben wir uns nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in der thüringischen Stadt Weimar, wo ich lange mit meinem Mann und meiner Tochter gelebt habe, um die Überreste gekümmert. Das Notenmaterial war ja im Dachgeschoss untergebracht, und das ist fast komplett ausgebrannt. Wir schauten, was noch zu finden ist. Zum Teil lagen die Notenblätter verstreut auf Feldern, die die Bauern der Bibliothek wieder zurückbrachten. Da fast nichts katalogisiert war, weiß man auch nicht, was es an Verlusten genau gab. Mein Mann hat die Partituren von drei Sinfonien der Herzogin Anna Amalia, die auch in den Flammen aufgegangen waren, aber als Kopien vorhanden sind, aufgearbeitet und mit dem Thüringischen Kammerorchester zur Uraufführung gebracht. Neben den Kompositionen der Herzogin haben wir weitere unbekannte Vertonungen von Texten der Dichter Herder, Schiller, Wieland und Goethe ausfindig gemacht.
• Gibt es andere wichtige Quellen?
Eine Fundgrube für die Zeit der Romantik ist das Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar und das Goethe-Museum in Düsseldorf. Dort haben wir bespielsweise das „Lied der Freundin“ gefunden: eine Komposition von Felix Mendelssohn-Bartholdy auf ein Gedicht von Goethe.
• Wieso blieb dieses Werk unbekannt?
Es ist ein Fragment. Goethe, der Mendelssohn mochte, weil der so wohlerzogen war, sandte dem Komponisten sein Gedicht zu, mit der Bitte, es zu vertonen. Mendelssohn verehrte den schreibenden Genius und wollte ihm mit seiner Komposition ebenbürtig sein. Aber, wie Mendelssohn an seine Schwester Fanny schrieb, war er mit keinem seiner Entwürfe zufrieden. Sie schienen ihm nicht gut genug. Wir werden nun ein Fragment, das Mendelssohn auf feinem handgeschöpften Papier niedergeschrieben und mit Blumenranken ummalt hat, vorstellen. Es war offensichtlich als Geschenk gedacht.
• Sie erzählen auch die Geschichten hinter den Liedern?
Ein paar. In Form von Anekdoten. Die sind schön kurz. Wir wollen ja vor allem den Liedern Raum geben. So wird die Mondscheinsonate von Beethoven zu hören sein, die Beethoven gar nicht so nannte. Sie hieß bei ihm einfach nur Sonate. Wir erzählen, warum er sie komponierte. Dafür war nämlich der Dichter Seume, der das Wandern publik gemacht hatte, verantwortlich. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten. Auch von Heine, dem Romantikskeptiker, stellen wir ein Lied vor: „Auf Flügeln des Gesanges“. Es war die Ode an eine schöne und kluge Frau. So viel schon mal vorweg.

Das Gespräch führte Heidi Jäger, (Potsdamer Neueste Nachrichten), 23.05.2013